Dr. Thomas Belazzi MAS & Mag. Thomas Fertl
bauXund Forschung und Beratung GmbH
Der Luftqualität der Innenräume wurde und wird vom Gesetzgeber bislang nur wenig Beachtung geschenkt. Während sowohl die Außenluft (Luftreinhaltegesetz) als auch die Luft am Arbeitsplatz (ArbeitnehmerInnenschutzgesetz) dezidierte Schutzgüter der Gesetzgebung sind, ist der für die menschliche Gesundheit schon wegen des ungleich längeren Aufenthalts noch viel wichtigere Bereich der Luft in Wohnungen noch ein weißer Fleck auf der legistischen Landkarte.
Die Konsequenz: Auf gesunde Luft in der Wohnung besteht kein prinzipieller Anspruch, im Ernstfall müssen Beeinträchtigung oder Gefährdung von Gesundheit oder Wohlbefinden vor Gericht durch aufwändige Sachverständigengutachten nachgewiesen und allfällige Ansprüche erst mühsam erkämpft werden.
Die Luftqualität in Innenräumen erlangte erst in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, weil Studien erhebliche Belastungen auch in nicht gewerblich genutzten Innenräumen nachwiesen. Regelmäßig in den Medien berichtete Skandale von „vergifteter“ Innenraumluft in öffentlichen Gebäuden (z. B. Kindergärten), hervorgerufen durch Einsatz gefährlicher bzw. teilweise sogar verbotener Produkte, haben das Thema publik gemacht.
In unserem Kulturkreis halten sich Menschen zu einem sehr hohen Anteil (etwa 90% der Lebenszeit) in Innenräumen auf. Insbesonders für empfindliche Personen wie Kleinkinder und Kranke ist die Qualität der Raumluft entscheidend.
Die Innenraumluft hat über den Aspekt möglicher Gesundheitsgefährdung hinaus auch eine zentrale Funktion für die gesamte menschliche Wohn- und Lebensqualität, weshalb selbst alle „nur“ das Wohnbefinden beeinträchtigenden Eigenschaften (z. B. Geruch) von enormer Bedeutung sind.
Bei Schadstoffquellen im Innenraum kann die Raumluftbelastung um ein Vielfaches höher sein als jene der Außenluft. Die wichtigsten Quellen neben menschlichen Aktivitäten wie Reinigungsarbeiten sind Baustoffe, Bauchemikalien, Einrichtungsgegenstände (Möbel etc.) und Materialien der Innenausstattung (Teppiche, Vorhänge,...). Hauptquelle der Innenraumluftbelastung ist im Übrigen nach wie vor das Rauchen.
Der Wiener Bauträger Mischek hatte sich im Jahr 2000 zum Ziel gesetzt, die Innenraumluftqualität seiner Wohnungen zu überprüfen und auf den Ergebnissen aufbauend weiter zu verbessern. Durch eine strenge Qualitätssicherung bei der Auswahl der Bauchemikalien mit dem Ziel der Lösungsmittel-Minimierung werden alle Anstrengungen zur Sicherstellung einer guten Innenraumluft gesetzt.
Als erster Schritt wurde im Rahmen der Erstellung des Konzern-Umweltberichts 2000 eine grobe Abschätzung vorgenommen, welche Lösungsmittelmenge pro Wohnung in Form von Farben, Lacken, Voranstrichen, Klebern etc. zum Einsatz kommt. Durch stichprobenartige Analyse der Bauchemikalien von verschiedenen als bedeutsam eingestuften Gewerken durch Fragebögen bzw. Interviews mit den Handwerkern wurden 20–30kg Lösungsmittel pro Wohnung erhoben (berechnet als Lösungsmittelverbrauch für die Errichtung des Gebäudes dividiert durch die Wohnungsanzahl). Auslöser für diesen sehr hohen Verbrauch war, dass es bei den Ausschreibungen noch keine genauen Vorgaben bezüglich lösungsmittelfreier Chemikalien gab.
Aufgrund dieser hohen Verbrauchsabschätzung wurde schrittweise begonnen Verbesserungen umzusetzen. Das Projekt „Baumgasse“ wurde zum Pilotprojekt für eine konsequente Umsetzung der Chemikalienreduktion. Die Domizil Bauträger GesmbH, Tochter der Mischek Bau AG Gruppe, baute in der Baumgasse 48 in 1030 Wien zwischen April 2001 und Juni 2002 eine Wohnhausanlage. Diese umfasst 32Eigentumswohnungen zwischen 50 und 120m2 Nutzfläche. Es handelt sich um einen mehrgeschossigen Wohnungsneubau mit Flachdach (Umkehrdach), welches eine bestehende Baulücke schloss.
Um die Lösemittelreduktion zu erreichen, hat bauXund das Chemikalienmanagement entwickelt. Mit Hilfe einer eigens programmierten Datenbank werden Bauchemikalien auf Grund ihres Gehalts an Gefahrenstoffen bewertet und so deren Auswahl im Hinblick auf Umweltschutz, ArbeitnehmerInnenschutz und Innenraumluftqualität optimiert. Die C-PLUS genannte Bauchemikalien-Datenbank enthält zurzeit ökologische und technische Informationen von mehr als 2000 einschlägigen Produkten. Mit ixbau.at wird ein solches Instrument für jedermann nutzbar via Internet angeboten.
Die wichtigsten Gewerke im Hochbau, die lösungsmittelhaltige Chemikalien einsetzen sind Schwarzdecker (Dachdecker), Maler & Anstreicher sowie Boden- und Parkettleger. Um eine gute Innenraumluft-Qualität zu erreichen ist es dennoch wichtig, auch bei den anderen Gewerken ein Chemikalienmanagement durchzuführen. Denn schon ein einmaliger unkontrollierter Einsatz, egal ob bei der Gebäudereinigung oder bei Metallarbeiten, kann den Erfolg des übrigen Chemikalienmanagements wesentlich beeinträchtigen. Die im Innenraum verwendeten Lösungsmittel von Parkett- und Bodenleger sowie Maler sind jene mit dem größten Einfluss auf die Innenraumluftqualität.
Die folgende Abbildung beschreibt die „Business as usual“ Verteilung des Lösungsmittelverbrauchs wie sie ohne ein Programm zur Lösungsmittelreduktion ausgesehen hätte: Schwarzdecker 49 Gew.%, Parkettleger 31%, Bodenleger 8%, Maler 5%, Fliesenleger 1%, Estrich 0,2% und alle anderen Gewerke ca. 5%.

Abb.1: Verteilung des Lösungsmittelverbrauchs zu Projektstart. Berechnet wurden die in der Abbildung dargestellten Daten auf Basis der von den Handwerkern vorgeschlagenen Bauchemikalien.
Diese Verteilung variiert natürlich in Abgängigkeit von der Gebäudekonfiguration und Ausstattung. Im vorliegenden Fall ist das Flachdach von Bedeutung, da dieses wesentlich mehr Flächen zum Abdichten für den Schwarzdecker aufweist als ein Steildach. Auch gibt es in der Baumgasse einen hohen Anteil an Terrassen und damit Abdichtungsflächen.
Die Erfahrungen von bauXund aus anderen Neubau-Projekten bestätigen jedoch, dass Schwarzdecker sowie Parkett- und Bodenleger durchwegs die Gewerke mit dem höchsten Verbrauch an organischen Lösungsmitteln sind. Bei Sanierungen sind auch die Malerarbeiten mengenmäßig von großer Bedeutung, da im Vergleich zum Neubau durch zusätzliche Tätigkeiten erhöhter Chemikalieneinsatz erfolgt - z. B. für Fenster- und Türensanierung (Fugenkitte, Abbeizmittel usw.).
Abb. 2 faßt zusammen, welche Verbesserungen beim Projekt Baumgasse erreicht werden konnten: Der Einsatz von flüchtiger Kohlenwasserstoffe (VOC; herkömmlich als „Lösungsmittel“ bezeichnet) konnte dramatisch vermindert, insgesamt 90% der VOC konnten eingespart werden. Bei manchen Gewerken wie Bodenleger und Maler gelang sogar eine vollständige Vermeidung. Absolut betrug die Einsparung bei 32 Wohnungen in der Baumgasse 487 kg Lösungsmittel.
Beim Parkettleger wurde Klebeparkett verlegt und die auf Bauträgerwunsch eingesetzte Parkettversiegelung („Wasserlack“) enthielt noch 7% (anstelle von 15%). Ein Ölen des Parketts war auf Kundensonderwunsch möglich, standardmäßig war dies dem Bauträger (basierend auf Erfahrungen früherer Projekte) ein zu hohes Gewährleistungsrisiko. Und der Schwarzdecker musste für die Arbeiten in manchen kalten Winterwochen auf den lösungsmittelhaltigen Voranstrich zurückgreifen, da die lösungsmittelfreie Bitumenemulsion bei tiefen Temperaturen nicht eingesetzt werden kann.

Abb. 2: Gewerke-spezifische VOC-Einsparungen beim Projekt Baumgasse
Die Effektivität des Chemikalienmanagements sollte immer durch unabhängige Innenraumluftmessungen überprüft werden. Die in Mischek-Wohnbauten seit Beginn des Chemikalienmanagements gemessenen Innenraumluftkonzentrationen (ausgedrückt in „TVOC“ – total volatile organic compounds) lagen zwischen 70 und 450 Mikrogramm pro Kubikmeter [mg/m3].
Zum Vergleich: Die in der Literatur publizierten Innenraumluftwerte von Neubauten bzw. nach Sanierungen liegen üblicherweise zwischen 1000 und 3000 mg/m3, wenn keine spezifischen Vorgaben zur Lösungsmittelreduktion verlangt werden.
Der Arbeitskreis „Innenraumluft“ im österreichischen Umweltministerium, der sich aus Medizinern und Chemikern verschiedenster Sparten mit Experten von Universitäten, Akademie der Wissenschaft, Ministerien und Wirtschaft hat folgende Werte definiert:
Ein TVOC-Wert von 1000 mg/m3 als „Richtwert“ für noch akzeptable Innenraumluft, der „Zielwert“ für gesunde Innenraumluft liegt demnach bei 350mg/m3.
Beim Projekt Baumgasse wurde durch das „Innenraum-, Mess- und Beratungsservice“ (www.innenraumanalytik.at) eine Innenraumluftmessung durchgeführt. Mit den gemessenen 540 μg /m3 Raumluft konnte ein guter Wert erreicht werden. Dies gilt insbesondere noch mehr bei detaillierterer Betrachtung der Analysenergebnisse. In der Messwohnung des Projekts Baumgasse wurden in den Tagen vor der Messung, entgegen der ausdrücklichen Vereinbarung mit der Bauleitung, diverse Nachbesserungsarbeiten durchgeführt. Dies erklärt etwa die 54 μg Siloxane (aus neu gemachten Silikonarbeiten) oder 115 μg Aromaten (aus Zargen-Ausbesserungsarbeiten).
Interessant ist weiters der Nachweis von 290 μg Dimethyl-Phthalat. Phthalate sind hochsiedende Chemikalien (oft auch „Weichmacher“ genannt, die in der Umwelt schwer abbaubar sind, eine Reihe von Gesundheitsproblemen wie Leber- und Nierenschäden verursachen können. Recherchen ergaben, dass diese Chemikalie als „Filmbildehilfsmittel“ in der verwendeten Wandfarbe enthalten war. Aufgrund des hohen Siedepunkts gilt dieser Stoff nicht einmal als Lösungsmittel, muss im Sicherheitsdatenblatt nicht deklariert werden und die betreffende Wandfarbe wurde konsequenterweise als „lösungsmittelfrei“ verkauft. Es ist daher wichtig, auch das Kriterium „Weichmacher“ zu beachten, am einfachsten wenn man neben „lösungsmittelfrei“ auch „emissionsarm“ als technisches Kriterium definiert. Seit dem beschriebenen Projekt Baumgasse ist dies bei BauXund der Fall. ixbau.at nimmt darauf selbstverständlich Rücksicht.
Langfassung dieses Artikels (PDF, 300KB) mit weiteren Details und Literatur-Angaben